Grundlagen, Entwicklung der Blicksteuerung, Dynamisches Sehen

Blickmotorik - Erlernen der Schriftsprache, Fovea, optomotorischer Zyklus, Teilleistungsstörung

Sehen ist ein aktiver Prozess des Gehirns. Wir benutzen dabei nicht nur die Augen als Sinnesorgan, sondern auch die Beweglichkeit der Augen.

                                                                   “Wir sehen nicht mit den Augen
                                                                       und wir hören nicht mit den
                                                                   Ohren, sondern mit dem Gehirn!”

Bestimmte Komponenten der Seh- und Blickfunktionen sind im Alter von 10 Jahren größtenteils entwickelt. Die Sehschärfe beispielsweise ist bei Schuleintritt voll entwickelt. Andere Funktionen hingegen entwickeln sich aber noch über viele Jahre hinweg weiter.

Blicksprünge (Sakkaden): Das Auge besitzt in der Mitte der Netzhaut eine Stelle des schärfsten Sehens (Fovea). Dort sind die Rezeptoren und die Nervenzellen am dichtesten gepackt. Die Lichtempfindlichkeit und die Sehschärfe nehmen mit dem Abstand von der Mitte stark ab. Was wir genau erkennen wollen, müssen wir mit der Fovea anschauen und unseren Blick darauf richten. Für die foveal abgebildeten Dinge stehen im Gehirn dementsprechend viele Nervenzellen zur Verfügung, für peripher erfasste Reize vergleichsweise wenige: wir müssen deshalb unsere Augen ständig mit verschieden großen  raschen Blicksprüngen neu ausrichten.

Die jeweils angeschauten Dinge müssen vom Gehirn "bevorzugt behandelt" werden, d. h. wir müssen unsere Aufmerksamkeit darauf richten. Andererseits müssen auch Reize, die zunächst nur aus dem Augenwinkel gesichtet werden, besonders behandelt werden, damit genau einer von ihnen als nächstes Blickziel ausgewählt werden kann. Was uns als gleichzeitig vorhandenes Bild erscheint, wird in zeitlich aufeinanderfolgenden Bildern ins Gehirn transportiert. Dazu wird das dynamische Sehen benötigt. Beim natürlichen Umherschauen passieren 3 bis 5 solcher Sakkaden in der Sekunde. Zwischen den Blicksprüngen ist das Auge fixiert. Bei binokularer Instabilität bewegen sich die beiden Augen während der Fixation mit verschiedener Geschwindigkeit.

Der ständige Wechsel zwischen Fixation und Sakkade wird i. d. Regel automatisch durch einen optomotorischen Zyklus geleistet. Wir können allerdings unsere Blickrichtung auch willkürlich steuern, indem wir bestimmte Dinge bewusst anschauen, andere nicht.

Besonders präzise muss der Zyklus steuerbar sein bei der Bewältigung von Spezialaufgaben, wie etwa beim Lesen und Schreiben.

 

Aus der Untersuchung von über 1500 Kindern und Erwachsenen weiß man, dass verschiedenen Komponenten der Blicksteuerung einen Rückstand in der Entwicklung aufweisen können. Dazu gehören:

  • willentliche Kontrolle über die Durchführung der Blicksprünge
  • zeitliche Genauigkeit der Reaktionszeiten


                                expresseye

 

Zur Diagnostik müssen die Augenbewegungen gemessen und analysiert werden. Zusammenhänge von Lese-Rechtschreib-Schwäche mit der Blickmotorik waren schon mehrfach vermutet worden. Man kann heute die Komponenten der Blicksteuerung quantitativ bestimmen. Die Augenbewegungen können berührungsfrei und gefahrlos mit infrarotem Licht gemessen werden. Die quantitative Erfassung der Fixation, der reflexhaften Blicksprünge und der willentlichen Blicksteuerung ist heute möglich. Damit gibt es jetzt ein Verfahren, das als zusätzliche diagnostische Hilfe bei neurologischen und/oder psychiatrischen Erkrankungen oder bei Teilleistungsstörungen eingesetzt werden kann.

(siehe Diagnostik)